Lebenslauf
Bewegte Zeiten – David Shallon in Düsseldorf – Erinnerungen von Elisabeth von Leliwa

David Shallon in Düsseldorf - Einige persönliche Erinnerungen

Mit Gustav Mahler eröffnete und schloss David Shallon seine sechs Spielzeiten als Chefdirigent der Düsseldorfer Symphoniker: Am 17. September 1987 führte er Mahlers musikalische Antwort auf Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft“, die abendfülllende Dritte Symphonie, zu einem umjubelten Erfolg. Am 13. Juni 1993 verabschiedete er sich mit Mahlers schwärzestem Werk vom Düsseldorfer Publikum: der Sechsten Sinfonie mit ihren vernichtenden Hammerschlägen. Ein programmatischer Kreis war geschlossen, eine (fast) zyklische Aufführung von immerhin sechs Mahler-Sinfonien vollendet.

Energie

Erstmals begegnete ich David Shallon während der unmittelbaren Vorbereitungen zur Spielzeit 1987/88: ein schneller, agiler Mensch, der wusste, was er wollte, und auch keine Angst davor hatte es einzufordern. Gleichzeitig vermittelte er eine ungeheure Vorfreude auf seine neue Aufgabe. Ich hatte erst wenige Wochen zuvor, frisch von der Universität kommend, in Düsseldorf meine erste feste Stelle als Dramaturgin und Mitarbeiterin im Orchesterbüro angetreten. David Shallon behandelte nicht nur den Intendanten, den Orchestervorstand oder die Konzertmeister auf Augenhöhe, sondern alle, die für das Orchester oder die Tonhalle Düsseldorf arbeiteten. So sah er auch mir etliche grobe Anfängerfehler ohne großes Aufheben nach. Erst später begriff ich, dass er zu einer neuen Generation, einem neuen Dirigenten-Typ zählte: Kein „Maestro“ im affektierten Sinne, sondern ein leidenschaftlicher Arbeiter für die Musik. Seine Lust am Musizieren, seine Freude an der Vielfalt des musikalischen Repertoires und nicht zuletzt sein Respekt vor den Menschen, mit denen und für die er musizierte, machten die besondere Energie aus, die er zu den Düsseldorfer Symphonikern, dem Chor des Städtischen Musikvereins und zum Düsseldorfer Publikum brachte.

Tatsächlich war die Spielzeiteröffnung am 17. September 1987 David Shallons Debüt in Düsseldorf. Er hatte das Orchester niemals zuvor dirigiert, sondern war eine Empfehlung von Dr. Peter Girth, der seit 1986 die neu eingerichtete Stelle des Düsseldorfer Orchesterintendanten innehatte. Eine Düsseldorfer Delegation aus Orchester und Kulturpolitik hatte David Shallons Konzerte u.a. in Frankfurt besucht und sich für ihn als neuen Chefdirigenten entschieden. Man erhoffte sich einen Aufbruch und ein neues Kapitel in der Düsseldorfer Orchestergeschichte – Herausforderungen, die David Shallon gerne annahm.

Doch in meinen Augen ist es charakteristisch, mit welch großer Geste er seinem Vorgänger Bernhard Klee, der zehn Jahre die Geschicke des Orchesters und der Tonhalle bestimmt hatte, Respekt zollte. Klee hatte sich in seinen Programmen konsequent auf die erste und zweite Wiener Schule von Haydn bis Schönberg und auf die französische Moderne von Debussy bis Messiaen fokussiert und mit Mahlers Zweiter Sinfonie („Auferstehung“) von Düsseldorf im Juni 1987 verabschiedet. David Shallons Debüt mit Mahlers Dritter nahm diesen Staffelstab bewusst – selbstbewusst und bescheiden zugleich – auf. Die folgenden Konzerte und Spielzeiten brachten jedoch unmittelbar den erhofften „frischen Wind“ in das Repertoire der Düsseldorfer Symphoniker.

Vielfalt

 „Wie das vorliegende Konzertprogramm bezeugt, liegt es mir besonders am Herzen, gemeinsam mit dem Orchester das Repertoire zu erweitern und dem Publikum ein vielfältiges und attraktives Programm zu bieten. Um die natürliche Neugier des Düsseldorfer Publikums zu befriedigen, will ich so viele Stilrichtungen wie möglich aufgreifen und Wiederholungen gleicher Komponisten vermeiden. Man wird neben den Standardwerken der Konzertliteratur auch weniger bekannten Werken großer Komponisten sowie einigen neuen Namen begegnen. … Unsere musikalische Reise wird uns in dieser Spielzeit über vier Jahrhunderte vom Venedig des Giovanni Gabrieli bis zum heutigen Polen des Krzysztof Penderecki führen. Dies ist, glaube ich, der beste Weg, dass Orchester und Dirigent einander kennenlernen und sich gemeinsam weiterentwickeln.“  

Ein klares Ziel, das David Shallon im Vorwort zur seiner ersten Jahresvorschau 1987/88 ohne große Umschweife formulierte: attraktive Vielfalt. Und er hielt es ein. Er hatte die Programme der Düsseldorfer Symphoniker nach dem Zweiten Weltkrieg genau studiert – und ich erinnere mich noch sehr gut an die Überraschung, ja die Ungläubigkeit, mit der er auf blinde Flecken im Repertoire gestoßen war. Diese betrafen vor allem die britische und die amerikanische Musik, die aktuelle KomponistInnen-Szene, aber auch die französische Romantik.

Insgesamt sind über hundert Düsseldorfer Erstaufführungen in den von David Shallon verantworteten sechs Spielzeiten zu finden. Er selbst dirigierte Schlachtrösser der zeitgenössischen Musik wie Henzes Siebte Sinfonie oder Gubaidulinas „Stimmen … verstummen …“, aber auch sehr überraschende Düsseldorfer „Premieren“ wie das Violinkonzert von Elgar oder die Maurerische Trauermusik von Mozart, die nie den Weg in die Abonnementkonzerte der Düsseldorfer Symphoniker gefunden hatten. Ganze Aufführungszyklen widmete er Komponisten, die damals aus einer intellektuell-puristischen Perspektive weniger wertgeschätzt wurden: Benjamin Britten, Edward Elgar, Hector Berlioz und Igor Strawinsky. Ein besonderes Herzensanliegen war ihm die Aufführung der drei Sinfonien seines Mentors Leonard Bernstein.

Gemeinsam mit Girth, der als ehemaliger Intendant der Berliner Philharmoniker über hervorragende Kontakte (die damals noch per Telefon und Telex liefen) verfügte, konzipierte er eine Serie, in der weltberühmte Komponisten eigene Werke dirigierten: Krzysztof Penderecki (1988), Witold Lutoslawski (1989), Mauricio Kagel (1989), Cristóbal Halffter (1990), Hans Werner Henze (1992, wegen der Erkrankung des Komponisten dirigiert von Christopher Keene), Peter Maxwell Davies (1992) und außerdem Maxim Schostakowitsch mit Musik seines Vaters Dmitri (1991), die nach dem Ende des Kalten Krieges ihren endgültigen Siegeszug in den westlichen Konzertsälen antrat.

Überraschend erscheint in diesem Zusammenhang, dass sich in all diesen Programmen nur zwei Uraufführungen finden: die Sinfonie „Janusz Korczak“ des Düsseldorfer Komponisten Oskar Gottlieb Blarr (1992) und Claude Debussys (als vierhändiges Klaviermanuskript erhaltene) Jugend-Sinfonie h-moll in der Orchestrierung von Noam Sheriff. David Shallon setzte einen anderen Schwerpunkt: die Vielfalt des vorhandenen Repertoires im 20. Jahrhundert dem Publikum überhaupt erst zugänglich zu machen. Dabei wollte er die Konzertbesucher jedoch nicht überfordern. Ein Beispiel: Für den November 1989 war der Grandseigneur der polnischen Musik, Witold Lutoslawski, eingeladen worden, eigene Werke bei den Düsseldorfer Symphonikern zu dirigieren. Um das Publikum mit diesem Komponisten vertraut zu machen, dirigierte David Shallon in der Spielzeit zuvor dessen mitreißendes „Konzert für Orchester“, ein frühes Werk aus dem Jahr 1954. Als eine prägnante Akkord-Sequenz kurz nach Beginn des Stücks erklang, ging ein merkliches Raunen und Staunen durch die Sitzreihen der Tonhalle: Vielen HörerInnen waren diese Takte als Eröffnungsfanfare des „ZDF-Magazins“ bestens bekannt – ein Effekt, den David Shallon bewusst einkalkuliert hatte, um die Akzeptanz dieses unbekannten Werks eines zeitgenössischen Komponisten zu fördern.

Einmal verlief es aber genau umgekehrt: Mein Dramaturgen-Kollege Uwe Schendel und ich waren begeistert von der Idee, Henzes Siebte Sinfonie, die David Shallon 1985 und 1986 bereits bei den Orchestern des Bayerischen und des Westdeutschen Rundfunks dirigiert hatte, auch in Düsseldorf aufzuführen. Er war zunächst zögerlich und unsicher, ob es nicht „zu früh“ sei, dieses anspruchsvolle Werk in den Spielplan aufzunehmen. Am Ende siegte David Shallons (reichlich vorhandener) Mut zum Risiko: Im September 1989 kam das Werk – publikumswirksam gekoppelt mit Tschaikowskys Violinkonzert – zur Aufführung. Als Hans Werner Henze knapp drei Jahre später sein symphonisches Portraitkonzert in Düsseldorf besuchte, standen wesentliche kürzere und zugänglichere Kompositionen auf dem Programm.

Aber auch im scheinbar bekannten 19. Jahrhundert achtete David Shallon auf neue Perspektiven, ohne das Bekannte, die populären „Standardwerke“ zu vernachlässigen. Eines meiner beeindruckendsten Konzert-Erlebnisse überhaupt waren die Aufführungen von Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ im Juni 1989 – sicherlich eine der meist gespielten romantischen Sinfonien, auch in Düsseldorf. Aber David Shallon koppelte sie mit der Fortsetzung, die Berlioz dazu komponiert hatte: „Lélio ou le retour à la vie“, ein (wie man heute sagen würde) multimediales Melodram, das so gut wie nie im Konzertsaal erklingt. David Shallon wagte es sogar, den gesamten dazugehörigen Text auf Französisch deklamieren zu lassen. Und so durfte das Düsseldorfer Publikum nicht nur eine absolute musikalische Rarität erleben, sondern die Rezitationskunst des französischen Schauspielers Paul-Emile Deiber bestaunen, der auswendig und ohne Mikrofon Berlioz’ autobiografische Reflexionen im Kuppelsaal der Tonhalle zum Leben erweckte.

Spannung

Eine Novität ganz anderer Art waren für die Düsseldorfer die symphonischen Karikaturen von Gerard Hoffnung, die David Shallon in seinem ersten Neujahrskonzert 1988 präsentierte. Während wir in den Wochen davor im Orchesterbüro damit beschäftigt waren, für den Neujahrsmorgen zwölf (!) ausgeschlafene Bühnentrompeter für die „Ouvertüre Leonore Nr. 4“ zusammenzutrommeln (am Ende rettete uns die Trompetenklasse der Kölner Musikhochschule), gelang es David Shallon und Peter Girth, Düsseldorfer Prominenz wie Gabriele Henkel und Hete Hünermann, den damaligen japanischen Generalkonsul Tsuyoshi Kurokawa und den Kulturdezernenten Bernd Dieckmann als hochkarätiges Solistenquartett mit konzertierenden Staubsaugern auf die Bühne dieses „Hoffnung“-svollen Neujahrskonzerts zu bringen.

Die gute Stimmung des Saisonstarts sollte jedoch nicht lange anhalten. Peter Girth hatte als Intendant der Düsseldorfer Symphoniker auch den Auftrag, das gesamte städtische Konzertleben neu aufzustellen – und er tat dies in dieser ersten Saison 1987/88 mit einem Paukenschlag: mehr als 40 zusätzliche Konzerte unter dem Motto „Jugend + Neue Musik“, ein weites Spektrum von Kinderkonzerten über französische Barockmusik, Haydnsche Kammermusik bis zum Jazz und zur Neuen Musik. (1988 lag in dieser Serie ein programmatischer Schwerpunkt auf der sogenannten „Entarteten Musik“ und der Rekonstruktion der gleichnamigen Ausstellung von 1938 in Düsseldorf.) Für David Shallon stand das Orchester voll und ganz im Zentrum seiner Aufmerksamkeit – für den Intendanten konnte es nur ein Teil seiner Arbeit sein. Peter Girth wurde oft Arroganz vorgeworfen – eine Charaktereigenschaft, die ich persönlich nie an ihm erlebt habe, sondern im Gegenteil eine große, kreative Offenheit. Aber er konnte sehr ironisch werden und sagte unverblümt seine Meinung. Bald wurden die ersten Unstimmigkeiten zwischen Intendant und Chefdirigent zumindest für uns Mitarbeitende sichtbar.

Im Juni 1988 kam es zum ersten großen Eklat: Wir probten die Aufführung von Berlioz’ „La damnation de Faust“, Girth befand sich auf Dienstreise in Salzburg und am Tag vor der Premiere erkrankte der Tenor. David Shallon war außer sich, dass der Intendant während einer so wichtigen Probenphase nicht im Hause war – und dann packte er einfach mit an, wie es seine Art war: Nach der Abendprobe telefonierten wir anhand unserer Adresslisten KonzertagentInnen, Sänger und Opernhäuser durch – und unser Glück war es, dass in den USA gerade der Arbeitstag begann. So wurden wir mit dem amerikanischen Tenor Jon Garrison fündig, der schnurstracks in den Flieger stieg und rechtzeitig zur Aufführung eintraf (wie übrigens auch der Intendant). Nach diesem Ereignis war das Vertrauensverhältnis zwischen Chefdirigent und Intendant nachhaltig beschädigt. Girth gelang es in Folge, sich auch mit der politischen Stadtspitze zu überwerfen; sachlich lag er richtig, diplomatisch falsch. Wie in Berlin verließ er auch die Düsseldorfer Intendanz abrupt und im Unfrieden – nach einem von David Shallon dirigierten Konzert zum 125-jährigen Jubiläum der Düsseldorfer Symphoniker im November 1989. (Von 1991 bis 1996 leitete Girth dann erfolgreich das Staatstheater Darmstadt.) Die Saison 1990/91 planten wir im Team: David Shallon, Hermann Backes (Cellist der Düsseldorfer Symphoniker und späterer Musikredakteur im MDR Leipzig), mein Kollege Uwe Schendel und ich. Eine von uns allen als sehr schön empfundene, aber auch arbeitsreiche Zeit.

Ab 1991 stand Freimut Richter-Hansen, der von Bühnenverein gekommen war, David Shallon als Intendant zu Seite. Während Girth sich durch Bravado ausgezeichnet hatte, arbeitete Richter-Hansen bedächtig und skrupulös: ebenfalls kein idealer Partner für den agilen, temperamentvollen Dirigenten. Bis heute bin ich der festen Überzeugung, dass das Zerwürfnis zwischen David Shallon und Peter Girth ein großer Verlust für das Düsseldorfer Musikleben gewesen ist – hätten diese beiden kreativen „Feuerköpfe“ eine Basis für die Zusammenarbeit gefunden, hätte der 1987 ersehnte Aufbruch nachhaltig gelingen, sich Düsseldorf zu einer wirklichen Musikmetropole entwickeln können.

Größe

Eine Düsseldorfer Besonderheit sind Qualität und Anspruch des Städtischen Musikvereins. Ihm war im 19. Jahrhundert die Anstellung so prominenter Musikdirektoren wie Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann und nicht zuletzt auch die Gründung des städtischen Orchesters zu verdanken. In den 1970er Jahren hatte sich der Chor zu einem international gefragten Klangkörper entwickelt. So kam es auch zu der etwas skurrilen Situation, dass David Shallon „seinen“ Chor das erste Mal nicht in Düsseldorf, sondern in Jerusalem dirigierte: am 28. Dezember 1987 mit Orffs „Carmina burana“. Auch das zweite gemeinsame Programm fand „auswärts“ statt: Im Mai 1988 sang der Städtische Musikverein Berlioz‘ „La damnation de Faust“ in Helsinki, bevor einen Monat später die eben beschriebene turbulente Konzertwoche in Düsseldorf stattfand.

„La damnation de Faust“ wurde zu einem Schlüsselwerk für David Shallons Düsseldorfer Amtszeit – denn damit ging es auch im Mai 1989 auf Tournee in die DDR. Die Konzertreise war vom Städtischen Musikverein angeregt und über Jahre verhandelt worden. Aber erst jetzt realisierten sich die Pläne – während die Montagsdemonstrationen und die friedliche Revolution in vollem Gange waren. In einem zweiten Konzertprogramm standen die Zweite Sinfonie „Lobgesang“ von Felix Mendelssohn Bartholdy und die Missa sacra von Robert Schumann auf dem Tournee-Programm. Insgesamt dirigierte David Shallon zwei Konzerte im Schauspielhaus (heute: Konzerthaus) Berlin, einen Abend bei den Musikfestspielen im Dresdner Kulturpalast und drei Konzerte im Gewandhaus Leipzig. Alle Aufführungen wurden vom Rundfunk der DDR mitgeschnitten und in Kooperation mit dem WDR oder dem DLF produziert, das Eröffnungskonzert der Tournee sogar für das Fernsehen der DDR in Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Fernsehen, Köln – eine Großtat in außerordentlichen Zeiten.

Damals habe ich kaum begriffen, welche Bedeutung diese Tournee für David Shallon gehabt haben muss. Als Israeli einer deutsch-deutschen kulturellen Begegnung von solch hoher öffentlicher Sichtbarkeit vorzustehen, vor dem Kulturpalast in Dresden die israelische Flagge wehen zu sehen und nach dem ersten Leipziger Konzert beim Empfang Kurt Masur zu begegnen, geht weit über das persönliche Erleben von Stolz und Freude, ja selbst über die Musik hinaus. Diese Reise unter der Stabführung von David Shallon wurde zu einem Ereignis politischer Verständigung. Die Gesten auf Seiten der musikalischen Partner und des Publikums in DDR waren überwältigend und im Rückblick dürfen wir sie als Vorboten der Zeitenwende und des – bis dahin für unmöglich gehaltenen – Mauerfalls wenige Monate später deuten.

Respekt

Besonders in Erinnerung wird mir David Shallons Wertschätzung für die Menschen, mit denen er musizierte, bleiben. Ich glaube, dass er sich sehr stark als aktiver Teil einer großen musikalischen Tradition identifiziert hat. Selbst ein hervorragender und passionierter Geiger, lud er eine Legende wie Ivry Gitlis zu den Düsseldorfer Symphonikern ein. Für mich war es überwältigend, unter seiner Leitung die großen Britten-Interpreten Heather Harper und John Shirley-Quirk im „War Requiem“ zu erleben oder den französischen Belcantisten José van Dam als Berlioz’ Mephisto. Ich erinnere mich immer wieder an die ehrliche, ansteckende Freude in seinem Gesicht, wenn er herausragende Solisten und Solistinnen bei „seinem“ Orchester begrüßen konnte. Doch auch die Stimmführer aus den Reihen der Düsseldorfer Symphoniker bekamen unter seiner Ägide eine neue Sichtbarkeit: als Solisten in Solo-Konzerten oder in großen Kammermusiken.

Eine ganz besondere musikalische Begegnung fand im Juni 1991 während des Schumannfests in Düsseldorf statt: Hier konnte man David Shallon als Geiger mit dem „Cherubini-Quartett & Freunde“ (darunter Shallons Ehefrau, die Bratschistin Tabea Zimmermann) im Oktett von Felix Mendelsohn Bartholdy erleben – kritisch beobachtet von zahlreichen GeigerInnen aus den Reihen der Düsseldorfer Symphoniker im Publikum. „Das macht er ja richtig gut“, lautete das einhellige Fazit. Kein Wunder – denn Kommunikation mit anderen Menschen, im Orchester, mit SolistInnen, in der Kammermusik, mit dem Publikum war die Basis von David Shallons Musizieren.

Lange bevor große Orchester den Blick auf ein junges Publikum wendeten, konzipierte er für seine ersten beiden Saisons thematische Jugendkonzerte, die er selbst moderierte. Über die Bedeutung einer solchen Arbeit waren Peter Girth und er sich vollkommen einig – und ihrer Zeit weit voraus.

Mut

Für den Februar 1990 hatte David Shallon die Aufführung von Schostakowitschs Sinfonie Nr. 13 „Babi Jar“ (in Verbindung mit Schuberts „Unvollendeter“) geplant. Die Komposition auf Texte des Dichters Jewgeni Jewtuschenko ist ein Mahnmal für das Massaker, das 1941 von der deutschen Wehrmacht an 40 000 jüdischen Frauen, Kindern und Männern im Tal von Babi Jar nahe Kiew verübt wurde. Heutzutage ist Schostakowitsch einer der meist gespielten Komponisten überhaupt, 1990 war das noch nicht der Fall: Auch jene düstere, anklagende Sinfonie war eine von David Shallons vielen Erstaufführungen für Düsseldorf. Wichtiger aber war ihm das Thema – der Blick auf die grauenvolle Geschichte, aber auch die versöhnende Möglichkeit der Musik.

Diese Sinfonie erfordert neben einem Männerchor einen herausragenden Bass-Solisten – und er war in Düsseldorf gefunden worden: Peter Meven, Solist der Deutschen Oper am Rhein. Aber auch gute Sänger können erkranken. Peter Meven versuchte trotz Erkältung und durch medizinische Behandlung gestärkt die Premiere am Donnerstag, 1. Februar, zu singen. Ich hatte die Aufgabe, vor der Aufführung die Indisposition anzusagen, aber es half nichts: Mitten im ersten Satz „Es steht kein Denkmal über Babi Jar“ musste der Sänger die Aufführung abbrechen.

Wieder einmal mussten wir mitten in der Nacht telefonieren – aber diesmal gelang es uns nicht, bis zum nächsten Tag einen Ersatz für die schwierige und nicht allgemein geläufige Partie zu finden. Was nun? Am folgenden Freitagmorgen hatten mein Dramaturgenkollege und ich in der Krisensitzung mit David Shallon eine aberwitzige Idee: Die Düsseldorfer Symphoniker, die als Orchester der Deutschen Oper am Rhein während der Konzertwochen (zur Verzweiflung aller Chefdirigenten) auch Operndienste zu leisten hatten, spielten gerade in diesen Tagen einen Ballettabend mit „Le sacre du printemps“. Das Stück hatte das Orchester also „drauf“ – wie wäre es, wenn David Shallon am Freitagabend statt der Schostakowitsch-Sinfonie Strawinskys spektakuläres Werk dirigieren würde? Bis heute frage ich mich, wie wir auf diese hanebüchene Idee kommen konnten. Aber David Shallon griff sie sofort mit Lust an der Herausforderung auf. Die folgenden Stunden verbrachten mein Kollege und ich damit, die am Konzert beteiligten MusikerInnen anzurufen und über die Programmänderung zu informieren. Überraschenderweise überwog auch hier der Optimismus … und am Abend dirigierte David Shallon ohne Probe bravourös das rhythmisch vertrackte Werk. Es wurde ein Riesenerfolg. Ich saß während der Aufführung hinter dem Podium und konnte Shallon in seiner ganzen Energie und Verve bewundern. Ich konnte aber auch beobachten, wie er zwischendurch immer wieder hektisch an seiner Frackschleife zog, um sich mehr Raum zum Atmen zu verschaffen. Hinterher, in der Garderobe, gestand er mir, dass er asthmatische Atemnot während der Aufführung bekommen hatte – die Anspannung war doch groß, fast zu groß gewesen.

Für den Sonntag hatte David Shallon schließlich aufgrund seiner persönlichen Beziehungen einen wunderbaren Bass-Solisten gewonnen: John Shirley-Quirk. So konnte wenigstens am 4. Februar 1990 Schostakowitschs Sinfonie Nr. 13 in der Tonhalle aufgeführt und damit auch wie geplant als CD produziert werden.

Die Erlebnisse dieser Konzertwoche fassen für mich wie in einem Brennspiegel zusammen, was David Shallon als Musiker und Mensch ausmachte: die große Identifikation mit den Werken, die er auf seine Programme setzte, die Schnelligkeit und Anpassungsfähigkeit seiner Entscheidungen, der Mut zum Risiko – allerdings auch ohne Rücksicht auf sich selbst. Doch diese Lust an der Herausforderung, die bei ihm eine Lust am Leben war, erscheint mir als Quelle seiner Energie und Zielstrebigkeit – die manches Mal sein Umfeld überfordern konnte.

Dass David Shallons Engagement in Düsseldorf bereits nach sechs Jahren ein Ende fand, hatte verschiedene Gründe. Nicht zuletzt die Düsseldorfer Presse hat hierbei – und nicht nur bei ihm, sondern auch bei Vorgängern und Nachfolgern – einiges zu verantworten. Auch der erfolglose Kampf um eine Lösung für die dringlichen akustischen Probleme der Tonhalle, den berüchtigten „Klopfgeist“, ermüdete im Laufe der Jahre das Verhältnis zwischen Dirigent, Orchester und Stadt und überstieg selbst die Energien eines David Shallon. (Erst im neuen Jahrtausend, 2005, konnte im Rahmen einer zwingend notwendigen Sanierung des gesamten Baus, vorangetrieben durch einflussreiche Mitglieder des Fördervereins der Tonhalle, die akustische Neugestaltung des Kuppelsaals erfolgen.)

Doch gerade in der Rückschau auf die Konzert-Programme und -Formate wird deutlich, dass man mit Recht von einer „Ära Shallon“ sprechen darf, die das Musikleben in Düsseldorf gründlich verändert hatte – sowohl was die Erweiterung des Repertoires als auch die kommunikative Öffnung zum Publikum betraf, die David Shallon als kollegialer und innovativer Musiker betrieb. Es ist an der Zeit, diesen Teil der Düsseldorfer Musikgeschichte neu zu bewerten und zu würdigen.

Elisabeth von Leliwa

(Dramaturgin der Düsseldorfer Symphoniker ab 1987, leitende Dramaturgin der Tonhalle Düsseldorf 2003-2012)