Lebenslauf
Vereinsleben: Bewegte Zeiten – DDR-Tournee 1989

Es gibt Geschichten, die so endlos sind, dass sie eigentlich nur von Michael Ende erfunden sein können.

In der Chronik des Musikvereins zu Düsseldorf findet man eine solche "Geschichte", die mittlerweile Bestandteil der deutsch-deutschen Historie geworden ist:

„Angefangen hat alles am 14.12.1978, als ich anlässlich der Premiere „Le Nozze di Figaro“ von Mozart in der Deutschen Oper Berlin mir den Mut fasste, und den damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel unter Bezug auf seine Zeit als Außenminister fragte „Welchen Weg muss man gehen, um eine Konzertreise des Düsseldorfer Musikvereins in die DDR zu realisieren?“ Walter Scheel gab mir die Adresse des Kulturattaches der seinerzeitigen „Ständigen Vertretung“, Georg Girardet, den ich dann auch postwendend aufsuchte. Er verschaffte mir den Zugang zur staatlichen Künstleragentur der DDR.

Die musikalischen Bezüge zwischen Düsseldorf einerseits und Berlin, Dresden und Leipzig andererseits sind über die Biographien von Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy leicht nachzuvollziehen. Die politischen Realitäten und die sich kontinuierlich verstärkenden Unsicherheiten bzw. Befindlichkeiten in der DDR machten die Realisation einer solchen Tournee zu einem nicht enden wollenden 7-jährigen Abenteuer, das in der Schlussphase besonders hinsichtlich der organisatorisch Verantwortlichen nichts für Leute mit schwachen Nerven war. Zustande kam die größte Tournee, die jemals auf Konzertebene von Deutschland nach Deutschland realisiert wurde.

Hier nur kurz die Stichworte:

Düsseldorfer Symphoniker, Wuppertaler Kurrende, der Städtische Musikverein zu Düsseldorf, Dirigent (David Shallon mit israelischem Pass!), Solisten, Journalisten; das Ganze im Mai (!!!) 1989, aus dem Schauspielhaus (heute: Konzerthaus) am Berliner Gendarmenmarkt, 110 Min. (!) TV-Aufzeichnung durch das Fernsehen der DDR in Co-Produktion mit dem WDR, Köln; Programm: Schumann: Missa sacra, Mendelssohn: 2. Symphonie; Musikfestspiele Dresden (Schallarchiv-Vol. 107/110), Gewandhaus Leipzig: La Damnation de Faust von Hector Berlioz (Schallarchiv-Vol. 23), aufgezeichnet durch den Rundfunk der DDR, Studio Leipzig in Co-Produktion mit dem Deutschlandfunk (!) Köln –ein absolutes Novum in der deutschen Mediengeschichte- ; das alles nach Berlin (Ost) per Sonderzug der Deutschen Bundesbahn, von Leipzig nach Düsseldorf zurück per Sonderzug der Deutschen Reichsbahn; dazwischen mit 10 Bussen Berlin-Dresden-Leipzig.

Ministerpräsident Johannes Rau beim Empfang in Berlin: "Wer hätte das für möglich gehalten!?" und Kulturminister Hoffmann in (weiser) Voraussicht: "Ich glaube: Niemand braucht mehr vor den Deutschen Angst zu haben!“......

1989 war auch für diese Tournee nur ein winziges (Zeit-)Fenster offen; kurz zuvor waren die "berüchtigten" Wahlen in der DDR, im August setzte die Fluchtwelle über Ungarn und später Prag ein; am 9. November ging die Mauer auf (und der Musikverein sang im Concertgebouw Amsterdam das Requiem von Berlioz (Schallarchiv Vol. 11) unter der Leitung von Neeme Järvi.

Das ursprüngliche Konzept eines gemeinsamen Musizierens von Städtischem Musikverein einerseits mit einem Orchester aus (Ost-)Berlin, Dresden bzw. Leipzig andererseits war in 1989 nicht umsetzbar. Diese Idee sollte sich erst 1997 zumindest teilweise realisieren lassen. Der Musikverein war am Pfingstsonntag 1997 erneut Gast im großartigen schinkelschen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt zu Berlin und führte unter der Leitung von Michael Schønwandt gemeinsam mit dem Berliner Sinfonie Orchester (heute: Konzerthausorchester Berlin) den Elias auf (Schallarchiv-Vol. 15). Die Mendelssohn-Verbindung zu Leipzig symbolisierte der Knabensopran, der in Person eines Mitglieds des Leipziger Thomaner-Chores die Beziehung Düsseldorf-Berlin-Leipzig vervollständigte. (Gemeinsame Konzerte mit der Staatskapelle Dresden bzw. dem Gewandhausorchester Leipzig bleiben eine Aufgabe für die Zukunft)

Die Konzerte (es gab Wiederholungen in Düsseldorf und Duisburg) waren künstlerisch wie atmosphärisch ein großartiges Erlebnis für alle Beteiligten. Michael Schønwand „eroberte“ den Chor nicht zuletzt durch sein mitreißendes und sympathisches Wesen, was beim Musikverein sofort in geradezu hochdramatische Aufführungen umschlug. Der Deutschlandfunk zeichnete in Düsseldorf auf und sendete bundesweit.

Die Sensation für den Chor fand aber außerhalb der Konzertsäle statt: zumindest mir als seit 1990 in Berlin lebender und arbeitender „Neuberliner“ war zunächst überhaupt nicht klar was es für die Chormitglieder bedeutete, als die Busse zur ersten Probe im Konzerthaus am Gendarmenmarkt von der Siegessäule kommend durch das Brandenburger Tor und weiter über Unter den Linden in den (ehemalig so bezeichneten) „Ost“-Teil Berlins fuhren. Zuletzt, im Jahre 1989, hatte man ja genau dort gestanden: auf der Aussichtsplattform im Bezirk Tiergarten über die Mauer durch das Tor blickend auf  den im Hintergrund sichtbaren alten Berliner Prachtbouleward (März 1989); wenige Wochen später, im Mai 1989, wenige Meter weiter östlich am damaligen „Ende“ der „Linden“ stehend und gegen Tor und Mauer in Richtung Siegessäule blickend.

Und nun fuhr man einfach durch............ „

Erinnerungen von Rainer Großimlinghaus im Dezember 2017

Bild: Gewandhaus in Leipzig -Berlioz: La Damnation de Faust - DDR-Tournee-Düsseldorfer Symphoniker - David Shallon (Schallarchiv Vol. 23 + 107)