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77 / 44 // 700 / 100

NEIN: Weder JOHANNES MELLER-VOGELZANG noch der ihn zu seinem Chorabschied interviewende Sangesbruder sind Zahlenfreaks oder Statistikfans.

ABER: Es gibt Ziffern, die zu einer Menge werden, die beeindruckend zeigt, wieviel man in einem intensiven Choristen-Dasein zu erleben und zu genießen, zu verschenken und im eigenen Musikfundus zu speichern in der privilegierten Lage ist. 44 seiner bisherigen 77 Lebensjahre hat Johannes (ich darf ihn als Sangesbruder duzen) als Bass im Konzertchor der Landeshauptstadt gesungen und damit nur etwas weniger als ein Viertel der Existenz des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf künstlerisch mitgestaltet.
Nur sehr wenige der seit seinem erfolgreichen Vorsingen 1977 stattfindenden 725 Konzerte musste auf seine sichere Stimme verzichten, so dass eine Mindestzahl mitgestalteter chorsinfonischer Ereignisse von 700 eher unterhalb der Genauigkeitsgrenze liegt. Auf die Frage nach den 5 Werken, die ihn in dieser langen Ze

it am meisten ans Herz gewachsen seien, nannte er ohne langes Zögern: die 8. von Gustav Mahler, die „Sinfonie der Tausend“ / Johannes Brahms‘ „Ein Deutsches Requiem“ / Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“ / Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ und Hector Berlioz‘ „La Damnation de Faust“. Rechnet man die von ihm miterlebten Aufführungen dieser 5 Werke zusammen, so kommt man auf 100 Konzerte.

Wenn Johannes jetzt meint, sich von den Anforderungen, die ein intensives Proben inklusive einer entsprechenden Vorbereitung verlangen, zurückziehen zu wollen, so zeigt das seine große Achtung vor der notwendigen Kondition und Disziplin, die es braucht, um Mitglied eines Chores dieses Qualitätsanspruchs zu s

ein und zu bleiben. Sicher wird er das mindestens zweimal pro Woche angesetzte Musizieren und die beglückenden Konzerte, die er so zahlreich erleben durfte, vermissen. Aber er hat sich für eine andere Art des Lebens entschieden, die mehr Freiraum für spontane Dispositionen lässt. Dem Chor wird er als begeisterter inaktiver Zuhörer treu bleiben.

Menschen, die zum Chorsingen kommen, entwickeln ihr Interesse zur Begeisterung, indem sie das Wunder der gesungenen Musik entdecken, erkennen und verinnerlichen. Bei dem aus Oberhausen stammenden Johannes begann das sehr früh. Großvater und Mutter waren begeisterte Sänger im Kirchenchor und seine helle Sopranstimme, die im Schulchor entdeckt wurde, passte auch sehr gut in den Gesang unter der Orgel. Als Sohn einer alleinerziehend verantwortlichen Kriegswitwe kam er nicht mit goldenen, sondern eher mit „sandigem“ Löffel auf die Welt. Trotz der schwierigen Bedingungen erlebte er viel Liebe, die er – seine Mutter bis in deren hohes Alter betreuend – auch intensiv zurückgab. Seine gute und sichere Stimme war auch während und nach der Lehre zum Feinmechaniker in der „Gutehoffnungshütte“ seiner Heimatstadt vor allem in verschiedenen Kirchenchören der Region gefragt. So auch in Duisburg

Mitte der 70er Jahre als „Aushilfen“ auch zwei Tenöre aus dem Düsseldorfer Musikverein kamen: der 2020 verstorbene Georg Fleischhauer und der Wolfgang Reichard, der sich jetzt auch - nach 5 Jahrzehnten Mitgliedschaft - auf das Menschenrechtskonzert vorbereitet. Sie überzeugten 1977 den nach Absolvierung der Meisterschule inzwischen in Düsseldorf lebenden „Technischen Kaufmann“ zum Wechsel in den traditionsreichen Konzertchor der Landeshauptstadt. Obwohl er nach einem weiteren Abschluss an der IHK im Innen- und Außendienst tätig war, gab es für ihn nur eine Prämisse: „der Dienstplan wird auch vom Probenplan des Chores bestimmt“. Er braucht bis heute das regelmäßige Singen zum Stressabbau, zum Ausgleich und zur Erholung von den Mühen des Alltags.

Neben dem Chor des Musikvereins zu Düsseldorf sangen der “New Philharmonia Chorus London“ und der „Choeur d‘Enfants de France“ und es spielten das „Orchestre National de France“ und das „Nouvel Orchestre Philharmonique de Radio France“. Für den jungen Sänger war das gewaltige Orange-Konzert der Sprung in eine internationale Welt der Chorsinfonik an einem Ort, der besser kaum hätte erfunden werden können. Sein bevorstehender Abschied aus einem Klangkörper, den er mit dem „Menschenrechtskonzert 2022“ feiert, ist natürlich Anlass, über besondere Highlights unter den Erinnerungen nachzudenken. Johannes hatte das große Glück, jene Zeit mitzuerleben, in der attraktive internationale Konzertreisen des Chores nahezu an der Tagesordnung waren. Nur einige Stichworte aus der umfangreichen Liste: Paris, als im Invalidendom unter Leitung Jean Claude Casadesus 1979 im Rahmen des „Festivals d’Art sacre“ Haydns „Schöpfung“ erklang; Monaco, als im von den Grimaldis „bewohnten“ Schloss, dem Palais Princier, 1984 Mahlers „Auferstehungssinfonie“ unter Leitung von Lawrence Foster erklang; Helsinki, wo man 1988 Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ unter David Shallon in der auch durch die KSZE-Konferenz berühmten Finlandiahalle sang; Tongeren, die Stadt des Festival van Vlaanderen-Festivals mit ihrer modernen Konzerthalle über durch den Glasboden sichtbaren antiken Fundamenten; Jerusalem, das Gastgeber von Konzerten zur Jahreswende 1987/88 war. David Shallon dirigierte in der Henry Crown Symphonie Hall Carl Orffs “Carmina burana“; Brüssel, wo zuletzt 2014 im Palais des Beaux-Arts Brahms‘ „Ein Deutsches Requiem“ unter Leitung von Andrej Boreyko aufgeführt wurde; Cincinnati, die Stadt in Ohio, in der die allgegenwärtige „schweinische“ Wappentierplastik auch als Dirigentenfigur mit dem Taktstock den Weg zur Konzerthalle wies, und natürlich: New York – New York.Als ich ihn nach Bildern fragte, die seine vielen Erlebnisse mit dem Musikverein illustrieren könnten, sagte er, dass er den größten Teil bereits dem Chorarchiv übergeben hätte, lud mich aber ein, ein großes Foto mit einem besonderen Ehrenplatz anzuschauen: Es zeigt die Arenen-Totale seines ersten großes Konzerterlebnisses, in das er nach nur 6 Proben “hineingeworfen“ wurde: Vaclav Neumann dirigierte im Juli 1977 Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“ im Théatre Antique National d’Orange“ das von Radio France aufgezeichnet wurde.

Zwei Menjou-Künstler in Amerika (Cincinnati und New York)

Der nun aus dem aktiven Status scheidende Bass weiß natürlich, dass eine so beispiellose internationale „Karriere“ des Konzertchores die Vermutung nahelegen könnte, die heutige Qualität sei der damaligen nicht gewachsen und argumentiert deutlich gegen eine solch engstirnig falsche Sichtweise. Er ist sehr glücklich mit er zurzeit vor allem auf großartige Konzerte in der Tonhalle konzentrierten Qualität des Chores, die einen Vergleich zu den besten der in der „Ära Hartmut Schmidt“ nicht scheuen muss. Man habe damals das Glück gehabt, in einer Situation zu sein, in der die international bedeutenden Dirigenten in vielen westeuropäischen Ländern nur wenig vergleichbar leistungsstarke Konzertchöre zu finden in der Lage waren und den zuvor in der Tonhalle erlebten einluden. Als dann Frankreich und die Benelux-Staaten selbst professionelle Chöre aufbauten und gleichzeitig Reise- und Übernachtungskosten extrem anstiegen, wurde der Gastspielmarkt enger. Hinzu kam, dass es vor dem Herbst 89 politisch interessant und geboten war, durch Gastspiele in der DDR oder in Polen aber auch mit Israel die Chance des Kulturaustauschs zu intensivieren. Deshalb überwiegen die Erinnerungen an große internationale Erlebnisse in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Chormitgliedschaft: An den jetzigen Proben zu Felix Mendelssohn-Bartholdys „Die erste Walpurgisnacht“ nimmt Johannes noch teil, obwohl das Konzert im Juni ohne ihn stattfinden wird. Es ist aber eine musikalische Wiederbegegnung mit einem Werk, das er 1992 in der Avery-Fisher-Hall in New York unter Leitung von Roger Norrington sang.

Vor allem das Concertgebouw in Amsterdam spielt in der langen Chorkarriere meines Gesprächspartners eine besondere Rolle. Am historischen 9.November 1989 stand dort die „Grand Messe des Morts“ von Hector Berlioz auf dem Spielplan. Als der Beifall für das von Neeme Järvi geleitete Konzert verklungen war, sickerte die Nachricht vom Fall der Mauer durch. Die Choristen freuten sich gemeinsam mit ihren Sangesgeschwistern vom London-Philharmonia-Chorus über das weltbewegende Ereignis. Und im Umfeld dieses Konzerts lernte Johannes seinen heutigen Ehemann Catharinus Vogelzang kennen. Nach der Frage nach den fünf Dirigenten, die während der viereinhalb Jahrzehnte den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen haben, steht ebenfalls ein Niederländer an der Spitze: Bernhard Haitink. Der im vergangenen Jahr verstorbene Maestro dirigierte 1988 in Amsterdam Mahlers „8. Sinfonie“. Dem vom TV übertragenen Konzert, mit dem das Concertgebouw seinen 100. Geburtstag feierte, wohnte damals die holländische Königsfamilie bei.

Neben Haitink nennt Johannes Meller-Vogelzang , der das nicht als eine anmaßend ungebührliche Qualitätsrangfolge verstanden haben möchte, Jean-Claude Casadeseus, Roger Norrington, Sir Neville Marriner, der noch nach seinem 90. Geburtstag 2014 Joseph Haydns „Missa in tempore belli“ in der Tonhalle dirigierte, und James Conlon.

Die unvermeidliche Neugier nach unvergesslichen Anekdoten brachte zunächst ein Geständnis im Zusammenhang mit dem „Festival Wratslavia Cantans“ in Breslau 1984. Johannes hatte die Abfahrt des Zuges nach Polen in Düsseldorf verpasst, war mit dem Auto hinterhergerast und hatte die Bahn am damaligen Grenzbahnhof Helmstedt erreicht. Die Verfolgungsjagd schenkte ihm ein besonderes Erlebnis. Mozarts „Requiem“ wurde nach dem letzten von ihm geschriebenen Takt im „Lacrimosa“ unterbrochen. Bernhard Klee setzte mit Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ fort. Die erschütternde Stille vor dem Applaus bleibt – so sagt er – allen, die in Wroclaw dabei waren, in tiefer Erinnerung.

Viele weltberühmte Sängerinnen und Sänger konnte Johannes als Solisten der Konzerte erleben. Ein besonderer Höhepunkt, der erst jetzt 20 Jahre nach seiner CD-Aufnahme erscheint, war die von Wolfgang Sawallisch geleitete Münchner Aufführung von Mendelssohns „Elias“, bei dem u.a. Margaret Price, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier und Dietrich Fischer-Dieskau mitwirkten. Letzterer sorgte auch in Abwesenheit für ein großes Kompliment für den damals von Prof. Hartmut Schmidt geleiteten Düsseldorfer Chor. Als bei einem Tonhallen-Konzert von Verdis „Requiem“ Margret Price nach dem ersten Abend wegen Krankheit ausfiel und kurzfristig Fischer-Dieskaus Ehefrau, die berühmte Sopranistin Julia Varady, angefragt wurde, beruhigte er ihre Zweifel: Sie könne die Blitzübernahme bei der ihm bekannten Qualität des Chores ruhig wagen.

Johannes Meller-Vogelzang sieht seinen Chor auf einem guten Weg – trotz der Probleme, die Corona in den letzten beiden Jahren verursacht hat. Er wertet auch die ungewöhnlichen online-Proben als wichtige Voraussetzung einer Niveausteigerung, denn die verlangten auch von ihm eine brutal ehrliche Kenntnis der intensiv geübten und kontrollierten Partie.

Nun gibt er mit den Noten zu Beethovens „IX. Sinfonie“ seine (Chor)-Stimmen ab. Seine Bassstimme natürlich nicht, aber wo sie in Zukunft erklingt, ob bei Gastauftritten in anderen Chören oder im Badezimmer …

Als ich ihm den Text zum Lesen gab, fragte er, ob er Beethovens Schlusschor nicht zu seinen Favoriten gezählt habe und bat mich, dies zu ergänzen. Also, die 56 mal die IX. hinzugezählt, bedeutet, dass er über 150 Konzerte seiner sechs Lieblingswerke gesungen hat. Wenn das
nichts ist …!

Danke, lieber Proben-Nachbar, Du wirst mir beim Singen fehlen!

Karl-Hans Möller am 18.3.2022

Bild im Beitrag: Johannes Meller zu Beginn seiner Zeit im Musikverein

Beitragsbild: Johannes Meller im März 2022 vor seinem Abschiedskonzert in der Tonhalle Düsseldorf